Heinrich Stahlschmidt - Der Retter von Bordeaux

Als im Zweiten Weltkrieg die Alliierten im Juni 1944 erfolgreich in der Normandie gelandet waren, war es eigentlich nur noch ein Frage von Monaten, bis dieser mörderischste aller bisherigen Kriege mit der Niederlage Deutschlands enden würde. Schon im August 1944 war klar, dass die deutschen Besatzungstruppen sich aus dem Südwesten Frankreichs zurückziehen mussten, wobei aus strategischen Gründen der Gironde und dem Hafen von Bordeaux besonderer Bedeutung zukam. Man wollte aus deutscher Sicht verhindern, dass in Bordeaux Soldaten und militärisch wichtiger Nachschub an Land gebracht werden konnten. Aus diesem Grund erging von höchster Stelle der Befehl, den Hafen von Bordeaux nachhaltig zu zerstören. Es wurden Vorbereitungen für umfangreiche Sprengungen getroffen, die am 26. August stattfinden sollte.

Der Sprengstoffexperte Feldwebel Heinrich Stahlschmidt wurde mit der Vorbereitung der Zerstörung beauftragt, bei der zwölf Kilometer Kaianlagen und so ziemlich alles, was für einen funktionsfähigen Hafen von Bedeutung hatte, vernichtet werden sollten. Stahlschmidt hatte jedoch Skrupel, wobei ihn, wie er später sagte, sein christlich orientiertes Gewissen geleitet habe. Nicht ganz unwichtig bei seinen Überlegungen dürfte gewesen sein, dass er sich in eine junge Französin verliebt hatte, die ihn sicher beeinflusst hat.

Stahlschmidt entschloss sich, die Zerstörung zu sabotieren, indem er den Bunker, in dem die Zünder für die geplante Aktion gelagert wurden, sprengte. Der an der Rue de la Raze gelegene Bunker wurde gänzlich zerstört, wobei mehrere deutsche Soldaten getötet wurden. Der Hafen von Bordeaux blieb unversehrt und konnte in der Nachkriegszeit seine Rolle schnell wieder übernehmen. Schätzungen gehen davon aus, dass mehrere Tausend Zivilisten getötet oder verletzt worden wären, wenn die Hafenanlage wie geplant gesprengt worden wären.

Stahlschmidt tauchte mit Hilfe der französischen Résistance unter und hielt sich, da er von der Gestapo gesucht wurde, bis zum Abzug der deutsche Besatzer aus Bordeaux versteckt.

Offenbar hatte er aber in der Résistance nicht nur Freunde, denn seine Aktion fand längst nicht die Anerkennung, auf die er wohl Anspruch gehabt hätte. Er berichtete später, man habe ihm gar nach dem Leben getrachtet, weil andere für sich den Ruhm beanspruchten, die Hafensprengung verhindert zu haben. Dennoch blieb er in Bordeaux, wo er 1947 seinen Namen und änderte und fortan Henri Salmide hieß. 1949 heiratete er seine französische Freundin. Sie berufliches Auskommen fand er bis zum Beginn des Ruhestandes im Jahre 1969 als kleiner Feuerwehrmann. Vorteile aus seiner Tat vom August 1944 hatte er nicht. Schon im August 1944 war er von deutscher Seite als Verräter und Deserteur  eingestuft worden, ein Urteil, das nie revidiert wurde.

Erst 1995 wurde ihm vom damaligen Bürgermeister Chaban-Delmas ohne großes Aufheben die Médaille der Stadt Bordeaux verliehen. Einer breiteren Öffentlichkeit wurde die Rolle von Henri Salmide erst 1998 durch den Historiker Dominque Lormier bekannt, der ihn den „Schutzengel von Bordeaux“ genannt hatte.

Zwei Jahre später wurde er zum Ritter der Ehrenlegion ernannt, weil er „23 Jahre treu seinen Beruf ausgeübt hatte“, von den Ereignissen des August 1944 war keine Rede, doch wurde danach die lokale Presse auf ihn aufmerksam und berichtete über ihn und sein Rolle in den letzten Tagen der deutsche Besetzung von Bordeaux.

Er starb im Februar 2010. 2012 erhielt der Verwaltungssitz des Hafens von Bordeaux in Bacalan den Namen Henri Salmide.

(Vgl. U.a. : Chr. Seguin: Le port de Bordeaux rend hommage au soldat allemand qu'il l'a sauvé, in: SUDOUEST, 16. 02. 2012)