Castillon 1453

Im Jahre 1453 endete der militärische Teil des Hundertjährigen Krieges, in dem die Dynastien der englischen Plantagenets und der französischen Valois darum stritten, wer nicht nur im Südwesten Frankreichs das Sagen haben sollte. Die Entscheidung fiel bei Castillon in dem genannten Jahr 1453, das, da es zu den Eckjahren der französischen Geschichte zählt, jeder französische Schüler zumindest kurzfristig im Gedächtnis gespeichert hatte. Wer nun denkt, er kenne angesichts der Bezeichnung Hundertjähriger Krieg auch den Beginn dieses mehrere Generationen beschäftigenden kriegerischen Langzeitereignisses, der irrt, denn dieser Krieg begann schon 1337 und müsste daher  Hundertsechzehnjähriger Krieg heißen, was, wie jeder sieht, ziemlich sperrig und damit gar nicht so eindrucksvoll wäre wie die abgerundete Version, die sich auf die einprägsame Hundert stützt.

Ob abgerundet oder nicht, für die französische Geschichte war das Jahr 1453 eine wichtige Marke auf dem Weg zum heutigen Frankreich, das, anders als viele denken und wissen, aus relativ kleinen Anfängen in einem beharrlichen und zähen beständigen Erweiterungsprozess, der selten friedlich verlief, zu dem geworden ist, was es heute ist.

Mit dem Jahre 1453 wurde der Anspruch der englischen Plantagenets, Oberherren im Südwesten Frankreichs zu sein, beendet. Begründet worden war dieser Anspruch 1152, also ziemlich genau drei Jahrhunderte vor dem Ende, durch die Eheschließung der Herzogin Eleonore von Aquitanien mit dem späteren englischen König Heinrich II., dem sie als Mitgift ihr Herzogtum zutrug. Für die französische Krone besonders ärgerlich war daran, dass diese Eleonore zuvor an der Seite Ludwig VII. Königin von Frankreich gewesen war, dem sie dasselbe Herzogtum Aquitanien als Mitgift zugebracht hatte. Als diese Ehe nach fünfzehn Jahren aufgelöst wurde, vordergründig wegen zu enger verwandtschaftlicher Nähe der Eheleute, war Eleonore frei, eine neue Ehe einzugehen, was sie samt Mitgift prompt tat mit dem späteren Heinrich II., mit dem sie genauso nahe verwandt war wie zuvor mit Ludwig VII.

Für die allermeisten Bewohner Aquitaniens war es vergleichsweise wenig bedeutsam, ob ihr Landesherr etwa Engländer war, denn die Herrschaftsstrukturen in Aquitanien änderten sich damit nur unwesentlich. Die örtlichen Gewalten, die der einfachen Bevölkerung direkt vorgesetzt waren, waren und blieben mit wenigen Ausnahmen der angestammte einheimische Adel. Und für den Adel dieser Zeit war die einfache Bevölkerung nur deswegen wichtig, weil man von ihr Abgaben fordern und notfalls mit Gewalt eintreiben konnte. Vor diesem Hintergrund war es wenig erheblich, ob die durchweg schmale Lebensgrundlage der einfachen Leute von einem Oberherrn dominiert wurde, der in London oder in Paris saß.

Im Médoc hatten die Franzosen schon 1438 die Oberhand über die Engländer gewonnen, die jedoch noch einmal in Frage gestellt wurde. 1451 bemächtigten sich die Truppen des französischen Königs Charles VII. schließlich Lesparres. Als 1453 der englische Feldherr John Talbot in Soulac landete, war die Herrschaft seines Königs über den Mündungstrichter der Gironde schon verloren und Talbot stand eigentlich auf verlorenem Posten. Als er im Juli 1453 in die Schacht von Castillon ging, hätte nur ein Wunder ihn retten können. Da das ausblieb, verlor er Schlacht und Leben und danach die Engländer Aquitanien.

Für Aquitanien endete damit eine Epoche wirtschaftlicher Prosperität mit engen Verflechtungen zum englischen Wirtschaftraum. Zu Ende ging auch eine Epoche politischer Freiheiten, die die englischen Könige meist nicht ganz freiwillig eingeräumt hatten und die nur der Oberschicht zugute gekommen waren.

(UM, 18. Juli 2010)