Rechtschreibung

Eine Reform, die gar keine ist ?

Am 3. Februar verkündete das französische Schul- und Bildungsministerium eine Rechtschreibreform, die auf schon 1990 fixierte Vorschläge zurückgeht. Urheber dieses Vorschlagspakets ist die Académie Française, in der, wie man weiß, maximal 40 Unsterbliche über die französische Sprache wachen. Wenn sich die Académie Française zu Fragen äußert, die das Französische betreffen, dann ist eigentlich jedermann klar, dass Widerspruch weder schicklich noch erfolgversprechend ist. Das scheint diesmal jedoch nicht so zu sein, denn es hat sich eine Welle des Protestes und der Entrüstung erhoben, die glauben machen will, dass die fragliche Reform der Sprache Molières den Garaus machen wolle. Einige der Reformvorschläge waren zumindest von den Schulbuchverlagen in den zurückliegenden Jahren schon umgesetzt worden, doch nun werden alle Schulbücher, die vom kommenden Schuljahr verwendet werden, den neuen Rechtschreibregeln folgen.

Der Proteststurm gegen die Reformvorschläge der Académie Française hat allerdings die zuständige Ministerin wohl ziemlich erschreckt, denn sie ließ flugs erklären, diese Regeln seien lediglich eine Empfehlung, die keinesfalls aufgezwungen würde. Daher seien „beide Orthographien richtig.“ Wer will, kann sich amüsieren, denn Rechtschreibung meinte bislang immer, dass es eine und nur diese Art des rechten Schreibens gebe.

(O. Saint-Faustin: Disparition de l'accent circonflexe : pas une obligation, juste "une référence" in: SUDOUEST, 04. 02. 2016, 17.00h, Internet-Ausg.)

 

Anmerkung der Redaktion:

Wer die Reformvorschläge der Académie unaufgeregt unter die Lupe nimmt, stellt fest, dass die meisten davon bestehende Skurrilitäten der französischen Rechtschreibung beseitigen und damit durchaus sinnvoll sind. Denjenigen, die die Ermordung der Sprache Molières fürchten, ist zu empfehlen, einmal einen Molièretext in der originalen Orthographie des 17. Jahrhunderts zu lesen, wobei sie feststellen werden, dass sie über viele Stellen stolpern, die von der aktuellen Rechtschreibung abweichen und damit zeigen, dass eine lebende Sprache wirklich lebt und dass ihr schriftliches Bild immer wieder in Gefahr ist, sich von der aktuellen sprachlichen Wirklichkeit zu entfernen. Und dann muss eben eine Reform her, auch wenn sie manchen vermeintlichen Puristen nicht gefällt.

 

http://www.academie-francaise.fr/sites/academie-francaise.fr/files/rectifications_1990.pdf

 

 (Wir werden demnächst Beispiele einfügen)