Das Königsportal der Kathedrale Saint-André


Das Portail royal im September 2015 nach Abschluss der Renovierungsarbeiten
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Das Königsportal im Jahre 2009, also vor den Renovierungsarbeiten


Die Cathédrale Saint-André in Bordeaux weist einige Besonderheiten auf, die es an anderen Kirchen nicht gibt. Zu den bemerkenswertesten gehört die Tatsache, dass es in der Nordfassade des Gebäudes zwei große, nahe beieinander liegende  Portale gibt. Das eine davon scheint so etwas wie das Hauptportal der Kirche zu sein, aber tatsächlich ist das zweite, etwas zurückgesetzt gelegene, das bedeutendere. Dieses sogenannte Portail royal, manche sagen auch Porte royale, war in früheren Zeiten hochstehenden Persönlichkeiten, etwa Königen, von den es seinen Namen herleitet, vorbehalten. Als nicht mehr so viele Könige und anderswie Hochgeborene vorbeikamen, legte man dieses Portal still. Gegenwärtig ist es nicht einmal zu benutzen, weil es keine beweglichen Türen mehr gibt. Das soll nach den inzwischen abgeschlosenenen  Restaurierungsarbeiten anders werden.

Das Portail royal weist den reichhaltigsten und künstlerisch wertvollsten Skulpturenschmuck der Kathedrale auf und verdient es, ein wenig eingehender dargestellt zu werden.





Im Tympanon wird das Jüngste Gericht dargestellt, das hier allerdings vom Staub der Jahrhunderte noch ziemlich zugedeckt ist. (Aufnahme von 2010)



Kurz vor dem Ende der Restaurierung des Portals zeigt sich manches, was vordem kaum auszumachen war.


Die Darstellung ist in drei Ebenen komponiert. Ganz oben sind Engel zu sehen.


Die mittleren Engel tragen die Sonne und den Mond, was in der christlichen Bildersprache etwas verwundert.



Der untere Teil zeigt Szenen der Auferstehung, die jeder verstehen kann. Hier die linke Seite


Und hier Ausschnitte von der rechten Seite.



Die Bildmitte beherrschend: der thronende Christus


Der Christuskopf mit Spuren der ursprünglichen Bemalung



Auch die Skulpturen der das Tympanon umrahmenden Bögen sind von ausnahmslos hervorragender Qualität.



Einer der vielen Engel mit Spuren der ursprünglichen Bemalung.


Die Basis der rechten Seite







Über dem Tympanon eine Reihe von überlebensgroßen Statuen. Sechs von ihnen (auf der linken Seite) sind durch ihre Attribute als Bischöfe erkennbar, die siebte Figur stellt höchstwahrscheinlich König David dar und die achte Bethseba, für die König David entflammte, als er sie im Bade erblickte.  Ganz sicher ist diese Zuschreibung nicht, aber sie ist stimmig, wenn man nach unten links blickt.


Dort ist ein Mann mit einer phrygischen Mütze zu sehen, der in der alttestamentlich orientierten Bilderwelt des Portals mit voller Absicht am Rande steht, denn er ist kein Angehörger des auserwählten Volkes, sondern ein Hethiter, mit ziemlicher Wahrscheinlickeit der Mann der Bethseba, der auf Geheiß von König David in einen Kampf geschickt wurde, in dem er umkam.



Hier ist der Ausschnitt größer, er zeigt aber noch nicht ein Detail, das für die Zuschreibung der Statue wichtig ist.



Das sieht man hier: Der Mann steht auf einem Wildschwein, nach den Vorstellungen der Juden ein unreines Tier, mit dem ein rechtgläubiger Jude nicht in Verbindung gebracht werden wollte. Die Drahtgebilde im rechten Teil des Bildes (ähnliche sind auf anderen Bildern ebenfalls zu sehen) sind Abwehrmaßnahmen gegen Tauben.



Eine Gesamtaufnahme des Portail royal, die um 1900 entstanden ist. Wenn man es mit den ersten Aufnahmen oben auf dieser Seite vergleicht, stellt man fest, dass damals schon eine dicke Patina auf den Figuren lag.



Zum Schluß ein Versuch, die ursprüngliche Farbigkeit der Skulpturen vorzustellen. Die eine Hälfte des Kopfes ist so bemalt, wie dies zur Zeit der Entstehung des Portals um die Mitte des 13. Jahrhunderts ausgesehen hat. Die bei der Restaurierung freigelegten Reste der ursprünglichen Farbigkeit des Figurenschmucks sind nur soweit sichtbar gemacht worden, wie sie noch vorhanden waren. Die heutige weitgehende Einfarbigkeit der Skulpturen ist im 19.Jahrhundert hergestellt worden, als man die Farbe beziehungsweise, das, was davon noch übrig war, weitgehend abgekratzt hat und die Figuren dann mit einem dem Farbton des Steins angepassten Überzug versehen hat.
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Nachträge (Februar 2014)


Die beiden Figuren aus der Figurenreihe oberhalb vom Königsportail: links König David, rechts Betheseba


Ausschnitt: König David und die schöne Bethseba


Urias, der unglückselige Mann der Bethseba dem die Schönheit seiner Frau zum Verhängnis wurde.


Der bildwichtigste Teil des Königsportals nach Entfernung der Bautreppe.


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