Maßarbeit am Pont de Pierre

Der Pont de Pierre in Bordeaux stammt aus dem frühen 19. Jahrhundert. Als er 1821 eingeweiht wurde, war er die erste Brückenverbindung in Bordeaux über die Garonne und, obwohl bis 1853 Maut gezahlt werden musste, ein geschätztes Bindeglied zwischen den beiden Garonneufern. Gleichwohl haben seine Konstrukteure nicht gewusst, welch knifflige Aufgabe sie mit der für die Brücke gewählten konstruktiven Lösung hinterlassen haben. Wir werden gleich konkreter.


1) Der Pont de Pierre, der so heisst, weil er aus Stein erbaut wurde, aus der Entfernung. Kundige Betrachter sehen hinter der Brücke ein Schiff, das entweder schon durch die Brücke hindurch ist oder die Unterquerung noch vor sich hat.


2) Da das Schiff seinen Abstand zur Brücke nur unwesentlich veränderte, durfte geschlossen werden, dass die Durchfahrt noch bevorstand. Eingeweihte haben schon erkannt, dass hier entweder die Brion oder die Breuil hinter der Brücke wartet, eines der beiden Schiffe also, das von Pauillac aus Teile des Airbus A 380 die Garonne hinauf nach Langon transportiert.


3) Anfangs war dabei nicht klar, warum sich der Kapitän nicht traute.


4) Dann traute er sich doch und bugsierte sein Schiff vor die als Durchfahrtbogen bestimmte Sektion der Brücke.


5) Alles in verlangsamter Zeitlupe


6) Mit demselben gedrosselten Tempo wird die Durchfahrt angesteuert. Man beachte, dass es keine Bugwelle gibt: Tempo Null plus ganz wenig.


7) Zentimerterweise unter der Brücke durch, immer noch ohne Bugwelle.



8) Auch wenn das Schiff unbeladen ist, viel Platz ist weder auf den beiden Seiten noch in der Höhe.



9) Jetzt ist es fast geschafft, aber die beiden Besatzungsmitglieder, die die Durchfahrt von der Kommandobrücke herab beobachtet haben, stehen noch auf ihren Posten. 



10) Jetzt wird Fahrt aufgenommen, hinter dem Schiff bildet sich das Kielwasser schon recht kräftig aus, und am Bug ist ebenfalls zu sehen, dass es zügiger vorangehen soll.


11) Die Fahrt geht weiter herauf ...


12) und noch weiter, ...


13) bis diese wirklich nicht zu übersehende Bugwelle aufschäumt.

Ach ja, weiß man nun, warum der Kapitän erst nicht durch die Brücke wollte? Falls nein, sollte man zurückblättern und die Bilder zwei bis fünf genau betrachten. Hier interessieren die am Fuß der Pfeiler der Brücke angebrachten Schutzvorrichtungen und dabei besonders, inwieweit diese vom Wasser bespült werden. Bis Bild 4 einschließlich ist tiefste Ebbe, danach steigt der Wasserstand an, und vor dem Anstieg ist die turbulente Mascaretwelle die Garonne hinaufgelaufen. Die ist zwar in Bordeaux nicht spektakulär, was die Wellenbildung an der Oberfläche angeht, sie quirlt aber das ansonsten eher gemächlich fließende Wasser kräftig auf, wobei sich besonders hinter den Brückenpfeilern Wirbel bilden. Verständlich, dass der Kapitän sich an seine Vorschriften hielt, und zur Durchfahrt erst ansetzte, nachdem die Strömunungsverhältnisse berechenbarer geworden waren.

Wenn Sie sehen wollen, wie es aussieht, wenn das vollbeladene Schwesterschiff der hier gezeigten Brion den Pont de Pierre, dann klicken Sie hier