Harzgewinnung - gemmage

Ein einst wichtiger Wirtschaftszweig im Südwesten Frankreichs


In der rechten Bildhälfte: zwei Harzsammler bei ihrer beschwerlichen Tätigkeit in der Nähe von Arcachon etwa um 1900

Gemmage – Harzgewinnung im Médoc

Als in der Mitte des  19. Jahrhunderts massive Aufforstungsmaßnahmen im Médoc und in den südlich davon gelegenen Teilen Aquitaniens durchgeführt wurden, änderte sich vieles in dieser Region Frankreichs. Der unbestritten positive Effekt war es, dass die Dünen fixiert wurden und damit aufhörten, eine Bedrohung darzustellen. Daneben gab es tiefreichende Einschnitte in die Lebensgewohnheiten der Menschen, denn dort, wo Wald gepflanzt worden war, war die bisher übliche extensive Viehwirtschaft, z. B. mit Schafen, nicht mehr möglich. Es dauerte aber eine geraume Zeit, bevor der neu gepflanzte Wald wirtschaftlich genutzt werden konnte und Arbeitsplätze bot. Eine dieser bald weit verbreiteten Nutzungsmöglichkeiten der Kiefernwälder war die Harzgewinnung (franz.: gemmage). Das Harz der Kiefern enthält etwa 70% Kolophonium, 20% Terpentin und 10% Wasser. Es stellt einen begehrten Grundstoff für die chemische Industrie dar. Die Technik der Harzgewinnung geht in ihren Anfängen auf die Zeit der Römer zurück und hatte sich in den immer schon bestehenden Waldgebieten des Südwestens Frankreichs erhalten. Dabei wurden an den Stämmen der Kiefern mit einem speziell geformten Werkzeug (hapchot) in senkrechter Richtung Rindenstücke abgeschlagen. Das aus diesen absichtlich herbeigeführten Verletzungen der Bäume hervorquellende Harz wurde nach unten geleitet und gesammelt. In der einfachsten Form wurden dazu Vertiefungen am Fuß der Stämme angelegt, die mit Moos ausgepolstert wurden. Das darin angesammelte Harz kristallisierte und wurde zwei- bis dreimal jährlich eingesammelt.

Dieses Verfahren war zwar billig und einfach, es hatte aber mehrere Nachteile. Einmal war das kristallisierte Harz meist mehr oder weniger  stark verunreinigt und dann war das im frischen Zustand zu rund 20% darin enthaltene Terpentin fast ganz verflogen. Um diesen Nachteilen abzuhelfen, setzte sich ab 1840 eine Methode durch, bei der das Harz in Tontöpfen gesammelt wurde, die direkt an der Ablaufrinne des Stamms befestigt und regelmäßig geleert wurden.

Das neueste Verfahren, das nahezu alle Verunreinigungen verhindert, wurde nach 1990 entwickelt und patentiert. Dabei wird eine Sonde durch die Rinde bis zur harzführenden Schicht des Stammes geleitet und mit einem hermetisch verschlossenen Plastikbeutel verbunden, in dem das Harz gesammelt wird. Die Bewährung dieses Verfahrens, dessen Wirksamkeit zu einem erheblichen Teil davon abhängt, dass die Sonde exakt platziert wird, steht noch aus, aber die Erwartungen, dass es funktionieren wird, sind recht groß.

Bei allen Entnahmetechniken gab es zwei grundsätzlich verschiedene Vorgehensweisen, je nachdem, ob man die Harzgewinnung unternahm, ohne den Baum nachhaltig zu schädigen oder ob man in den letzten Jahren vor dem Fällen des Baumes so viel Harz abzapfte wie irgend möglich. Dieses Verfahren steigert übrigens die Qualität des später aus dem Stamm gewonnenen Holzes, dessen Harzanteil naturgemäß wesentlich niedriger ist als bei einem Baum, der nicht angezapft worden war.

Um 1950 lebten im Südwesten Frankreichs 16.200 Familien vom Harzsammeln, 1970 waren es nur noch 4.000. Die Harzgewinnung hatte ihre beste Zeit vor der Weltwirtschaftskrise von 1929. Im Jahre 1921 wurden 151 Mio Liter Harz gesammelt. 1969 waren es immerhin noch 25 Mio Liter.

Gegenwärtig werden in Frankreich jährlich etwa 30.000 Tonnen Harz verarbeitet, die alle aus dem Ausland kommen, vor allem aus China, Brasilien und Madagaskar. Es gibt gegenwärtig aber Bestrebungen, die Harzgewinnung mit Hilfe eines europäischen Förderprogramms nicht nur in Frankreich, sondern auch in Spanien und Portugal wieder zu beleben. Wenn das gelingt, werden die geernteten Mengen aber sicher nie wieder einstige Größenordnungen erlangen. Man geht davon aus, dass vor allem Produkte mit hohem Veredelungswert entstehen werden, und weniger Massenware.

(UM, Sept. 2012)

(vgl. J. Ripoche: Un riche passé et un avenir qui se messine, in: SUD OUEST, 4. Sept. 2012 ; vgl. auch : http://fr.wikipedia.org/wiki/Gemmage

 





Die beiden oben schon gezeigten Harzsammler in der Vergrößerung. Bei dem rechten kann man gut sein hapchot erkennen und die einfache Leiter, die an den Gleichgewichtssinn des Benutzers hohe Anforderungen stellt.


Anlegen der Harzsammelrinnen. Diese und die folgenden alten Postkarten gehen auf Fotografien zurück, die vor dem Ersten Weltkrieg gemacht worden sind.



Beim Harzsammeln helfen auch Frauen mit, dies allerdings weniger aus Familiensinn denn aus Notwendigkeit. Das Harzsammeln warf keine großen Einkommen ab, und für Frauen gab es ansonsten kaum Arbeitsplätze im Médoc.


Junge Harzsammlerinnen bei der Arbeit, die sicher weniger attraktiv war als hier dargestellt.


Einsammeln des in den Tontöpfen angesammelten Harzes.



Einfüllen des gesammelten Harzes in Fässer. Vor dem Wagen zwei Ochsen, die zur Rasse der vache landaise gehören.



Noch Anfang der 80er Jahre wurde Harz im Médoc gesammelt. Hier ein Teil des Waldstückes an der nördlichen Seite der Straße von Euronat nach L'Hôpital.



Die ansonsten üblichen Tonbehältnisse sind Plastiktüten gewichen


Die Zahl der Tüten zeigt, dass diese Bäume sehr stark angezapft werden, weil sie demnächst gefällt werden sollen.



Eine Demonstration der Harzsammlung auf einer Ausstellung in Saint Vivien. Hier wird wieder der traditionelle Tonbehälter verwendet. Oberhalb des Tontopfes ein kleines Zinkblech, das das Harz in den Behälter leitet.



Zwei einfache aber wirksame Maschinen, die dazu dienten, das Harz aus den Tontöpfen zu schleudern. Damit wurde das Entleeren der Tontöpfe entscheidend vereinfacht und beschleunigt.



Ein Sortiment von Tontöpfen, die einst als Sammelgefäße benutzt wurden.



Spuren des Harzsammelns an einer Kiefer. Man sieht noch den kleinen Zinkblechstreifen. Aufgenommen 2009.
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Drei Stämme, an denen man die Auswirkungen des Harzsammelns sehen kann



Ein Stamm, der nicht zum Harzsammeln angezapft worden ist.


Die deutlichen Einkerbungen zeigen an, dass an diesen Stellen die Rinde des Baumes abtragen worden ist, um das danach austretende Harz sammeln zu können.


Ein ähnliches Bild bei einem anderen Baum

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Zum Schluss ein Gedicht von Théophile Gautier, der 1840, also vor den großangelegeten Aufforstungsmaßnahmen unter Napoleon III., Gedanken wiedergibt, die er beim Betrachten von Kiefern hat, die für die Harzgewinnung angezapft wurden.

 

Théophile Gautier

LE PIN DES LANDES

 

On ne voit en passant par les Landes désertes,

Vrai Sahara français, poudré de sable blanc,

Surgir de l’herbe sèche et des flaques d’eaux vertes

D’autre arbre que le pin avec sa plaie au flanc ;

 

Car, pour lui dérober ses larmes de résine,

L’homme, avare bourreau de la création,

Qui ne vit qu’aux dépens de ceux qu’il assassine,

Dans son tronc douloureux ouvre un large sillon !

 

Sans regretter son sang qui coule goutte à goutte,

Le pin verse son baume et sa sève qui bout,

Et se tient toujours droit sur le bord de la route,

Comme un soldat blessé qui veut mourir debout.

 

Le poète est ainsi dans les Landes du monde :

Lorsqu’il est sans blessure, il garde son trésor.

Il faut qu’il ait au cœur une entaille profonde

Pour épancher ses vers, divines larmes d’or !

 

1840.