Straßennnamen im Médoc mit historischem Hintergund

François Chambrelent

François Jules Hilaire Chambrelent, ein französischer Agronom, der von 1817 bis 1893 lebte, hatte als Generalinspekteur des französischen Ingenieurswesens  maßgeblichen Anteil an  der umfassenden Aufforstung im Südwesten Frankreich. Er knüpfte an Maßnahmen von Nicolas Brémontier an, der es geschafft hatte, die wandernden Küstendünen zu bändigen, aber erst nach Überwindung von Widerständen in der von ihm geleiteten Behörde gelang es Chambrelent durchzusetzen, dass vor der Aufforstung erst die Entwässerung der in Betracht kommenden Gebiete durchzuführen war. Die seit 1857 bestehende gesetzliche Regelung, die einen starken Anreiz zur Durchführung der Aufforstung darstellte, führte dazu, dass die Waldfläche im Südwesten Frankreichs in einem Jahrhundert von 100.000 ha auf 900.000 ha anwuchs und damit bis in die Gegenwart das Bild der Landschaft nachhaltig prägte.

 

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Kardinal Donnet

Strassenschild in Soulac


Der Erzbischof von Bordeaux und Kardinal Donnet (1795 – 1882) gehört zu den bemerkenswertesten Gestalten der katholischen Kirche im Südwesten Frankreichs zumindest für das 19. Jahrhundert. Und er ist ein Kirchenmann, an den in einer großen Anzahl von Gemeinden des Médoc Kirchen erinnern, die mit seinem Namen mehr oder weniger direkt und bewusst verbunden sind.

Die bekannteste findet sich in Soulac, die Basilika Notre-Dame-de-la-Fin-des-Terres, und die wäre ohne das Engagement und die Fürsprache des Kardinals Donnet vielleicht gar nicht wieder zu dem geworden, was sie heute ist. Diese Basilika war von Wanderdünen zugedeckt worden, so dass die Bewohner von Soulac sie und ihren gesamten Ort aufgaben und ein paar Kilometer weiter landeinwärts einen neuen Ort namens Jeune Soulac gründeten. Kardinal Donnet erfuhr von der vom Sand bedrängten Kirche in Soulac, und als er sie persönlich in Augenschein genommen hatte, wurde er einer der eifrigsten Förderer der Freilegung und Sanierung der arg ramponierten Kirche.

Bei vielen anderen Kirchen des Médoc ist man sich heute nicht immer ganz einig, ob der Einfluss des Kardinals auf die Welle von Kirchenneubauten, die sich in seiner Amtszeit ereigneten, uneingeschränkt positiv war. Kardinal Donnet beklagte einerseits den oft erbarmungswürdigen baulichen Zustand der Kirchen in seiner Diözese, andererseits nutzte er aber die Möglichkeit, an die Stelle der alten und maroden Kirchengebäude neue treten zu lassen. Dabei machte er kein Hehl daraus, dass er eine kräftige Vorliebe für den neugotischen Baustil hatte, während er die Romanik, der die meisten der alten und baufälligen Kirchen zuzurechnen waren, nicht so recht leiden mochte.

In seiner Amtszeit als Erzbischof von Bordeaux wurden 160 Kirchen und 52 Glockentürme neu gebaut, nachdem die Vorgängerbauten abgerissen worden waren. Weiter wurden errichtet rund 400 Presbyterien oder Schulen, die ohne die Initiative des Kardinals gar nicht oder erst viel später gebaut worden wären. Vor diesem Hintergrund versteht man, dass des Kardinals Donnet in vielen Orten nicht nur des Médoc als Namenspatron für Straßen gedacht wird.

Mehr zur Basilika Notre-Dame in Soulac: Klick

Ein Beispiel für eine Kirche nach dem Geschmack des Kardinals Donnet: Klick 

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Nicolas Brémontier

Nicolas Brémontier 1738-1809, Ingenieur, seit 1802 Inspecteur géneral des Ponts et Chaussées. Nicolas Brémontier hatte eine gediegene Ingenieursausbildung. Nach verschiedenen Tätigkeiten wandte er sich der Befestigung der Küstendünen zu und entwickelte unter Verwendung von Vorarbeiten anderer ein Verfahren, das die bis dahin kaum zu bändigenden Wanderdünen in den Küstenregionen schließlich zum Stehen brachte. Für die Bevölkerung dieser Region war dies ein Geschenk, dessen Bedeutung man kaum überschätzen kann. Er ließ zunächst Palisaden anlegen, die wenigstens eine Zeitlang den Bewegungen des Sandes Einhalt geboten. Dauerhafte Befestigungen des Sandes erreichte er durch das großflächige Ausbringen von Samen von Stech- und Besenginster und von Kiefern, die in der salzhaltigen Luft der Küste gedeihen konnten (pin maritime). Die Samenmischung wurde mit Zweig- und Astwerk abgedeckt, um den jungen Ginster- und Kieferpflanzen einen vorübergehenden Schutz zu gewähren. Nach zwei Jahren hatte der Ginster bereits Mannshöhe erreicht, während die langsamer wachsenden Kiefern unter diesem Schutz wachsen konnten. Diese Maßnahmen trugen ihm den Titel bienfaiteur des départements maritimes (der Wohltäter der Küstendepartements) ein.

Das unter Brémontier begonnene Aufforstungsprogramm wurde in der Mitte des 19. Jahrhunderts in großem Stil fortgesetzt, wobei man jedoch auch dabei den Methoden folgte, die er entwickelt und erfolgreich angewendet hatte. Und heute gibt es nur wenige Küstenorte besonders im Südwesten Frankreichs, die keine Straße aufweisen können, die seinen Namen trägt.


Das obere Straßenschild wurde in Montalivet aufgenommen, das untere in Soulac.


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Ausonius


In vielen Orten des Médoc gibt es eine Rue Ausone. Die hier gezeigte findet sich in Bordeaux, und sie hat eine Besonderheit, denn an ihrem Eingang gibt es ein Denkmal, das an den Namensgeber erinnert.




So stellte sich ein moderner Bildhauer das Aussehen des Ausonius vor.  Belege dafür, dass er damit richtig lag oder auch nicht, gibt es nicht. Das gilt übrigens für die allermeisten Darstellungen antiker Persönlichkeiten.


Die Tafel unter der Büste des Ausonius weist auf einige der Stationen seines Lebens hin. Die Büste wurde am 8. März 1997 enthüllt, im Beisein des damaligen Premierministers Alain Juppé, der nebenbei auch Maire von Bordeaux war (und noch heute ist).

Und jetzt noch eine kurze Notiz zu Ausonius:

Ausonius

In vielen Gemeinden des Médoc gibt es eine rue Ausone, die die Erinnerung an einen Mann wachhält, der der erste nicht nur namentlich bekannte Bewohner des Médoc war, an den man sich heute noch erinnert. Decimus Magnus Ausonius (geboren um 310 n. Chr. ), entstammte einer wohlhabenden Familie aus Burdigala (Bordeaux), der er eine gediegene Bildung verdankte. Schon früh lehrte er Grammatik und Rhetorik, und diese Lehrtätigkeit machte ihn so bekannt, dass er um 364 nach Trier berufen wurde, wo er Erzieher des späteren Kaisers Gratian wurde. In den rund 20 Jahren, die er in Trier zubrachte, machte er nicht nur regelrecht Karriere, wurde 378 zum praefectus Galliarum und 379 zum Konsul befördert. Um 370/371 verfasste er ein kleines Epos, in dem der in knapp 500 Hexametern die Schönheiten der Mosellandschaft rühmte und mit dieser noch heute lesenswerten Mosella einer Landschaft ein Denkmal setzte, die erst durch ihn in die Literatur Eingang fand. Nach dem Tod des Gratian zog sich Ausonius auf seine Besitzungen bei Bordeaux zurück, wo er seine literarischen Aktivitäten fortsetzte. Er starb um 394 n.Chr.

(vgl.: http://www.rheinische-geschichte.lvr.de/persoenlichkeiten/A/Seiten/DecimusMagnusAusonius.aspx

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Historische Daten

In Frankreich gibt es in vielen Orten viele Namen von Strassen, Plätzen, die Bezug herstellen zu historischen Daten. Die Beobachtung trifft zu, aber es sind tatsächlich nur wenige historische Daten, die immer wieder vorkommen. Hier die drei mit Abstand häufigsten:




Zum 11. November 1918:

Der Erste Weltkrieg 1914-1918, für die Franzosen auch heute noch La Grande Guerre, (der grosse Krieg) spielte sich im Westen von seinem Anfang im August 1914 bis fast zum Ende in Frankreich ab, schwerpunktmäßig im Norden und vor Verdun. Nach dem Kriegseintritt der USA im Jahre 1917 und nach dem Eingreifen großer amerikanischer Truppenverbände ab Anfang 1918 im Westen erkämpften sich die Westmächte die Oberhand. Kurz vor dem Zusammenbruch der deutschen Westfront wurde am 11. November 1918 bei Réthondes, nahe Compiègne, der Waffenstillstand geschlossen, der das Ende des Krieges herbeiführte, aber nicht den Weg zu einer dauerhaften Friedensordnung eröffnete.

Der Erste Weltkrieg war ein Krieg bislang unvorstellbaren Ausmaßes. Er forderte das Leben von mehr als 9 Millionen Soldaten: 2 Mio Deutsche, 1,8 Mio Russen, 1,5 Mio  aus Österreich-Ungarn, 1,3 Mio Franzosen, 0,75 Mio aus Großbritannien, 0,117 Mio US-Amerikaner.

Der Eisenbahnwagen, in dem die Verhandlungen bei Réthondes stattfanden, wurde 1940 nach der Niederlage Frankreichs nach Deutschland abgefahren, wo er durch Bomben zerstört wurde. Heute ist in Réthondes ein baugleicher Wagen mit einer rekonstruierten Innenausstattung zu besichtigen.

 

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Zum 8. Mai 1945

Am  8. Mai kapitulierten die deutschen Truppen in Reims, im Hauptquartier des Oberkommandierenden der Alliierten, General Eisenhower (später von 1953-1961 34. Präsident der USA). Für Frankreich ging damit ein düsterer Abschnitt seiner Geschichte zu Ende, der am 22. Juni 1940 nach einem „Blitzkrieg“ mit einem Waffenstillstand, der wiederum in Réthondes bei Compiègne geschlossen wurde, begann, zur militärischen Besetzung des nördlichen und westlichen Frankreichs durch deutsche Truppen von 1940 bis 1944 führte und erst nach der Invasion im Juni 1944 und der danach schnellen Zurückdrängung der deutschen Truppen aus Frankreich endete. Längeren Widerstand leisteten die Deutschen im nördlichen Médoc und in dem Bereich von Royan bis La Rochelle, wo sich deutsche Truppen bis zum Mai 1945 hielten.

Frankreich verlor im Zweiten Weltkrieg insgesamt rund 600.000 Menschen, davon 250.000 Soldaten, 270.000 Zivilisten und 80.000 deportierte und ermordete Juden.

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Zum 18.März 1962

Mit diesem Datum endete die seit 1830 bestehende Herrschaft Frankreichs über Algerien, dessen nördliche Landesteile seit 1848 fester Bestandteil Frankreichs waren. Die Algerier empfanden die französische Dominanz als koloniale Unterdrückung, gegen die sich schon früh Widerstand regte.

Nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges erwartete man in Algerien den Rückzug der Kolonialmacht Frankreich und den Beginn der nationalen Selbständigkeit. Als sich abzeichnete, dass diese Hoffnung nicht erfüllt werden würde, gab es in einer Reihe algerischer Städte Tumulte, die jedoch von der Polizei noch erstickt werden konnten.

Der offene Kampf begann am 1. November 1954

Die französischen Truppen wurden schnell auf mehr als 500.000 Mann verstärkt, aber sie konnten den verbissenen Widerstand der Algerier nicht brechen.

In dem rund siebeneinhalb Jahre dauernden Krieg starben nach französischen Angaben über 17.000 Soldaten der regulären französischen Armee und der Fremdenlegion . Die algerische Unabhängigkeitsbewegung FLN schätzte ihre Verluste auf rund 300.000 Mann. Die Zahl der nach der Unabhängigkeit ermordeten Zivilisten wird auf 150.000 Personen geschätzt, die zuvor auf französischer Seite z.B. als Dolmetscher tätig gewesen waren.

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Mancherorts findet man das Datum des 4. September 1870 auf Strassenschildern. Das erinnert an die Ausrufung der III. Republik nach dem Sturz Napoleons III.